{"id":39475,"date":"2016-01-13T08:56:29","date_gmt":"2016-01-13T07:56:29","guid":{"rendered":"http:\/\/orchesterfreunde-gera.de\/content\/?page_id=39475"},"modified":"2016-01-13T08:56:29","modified_gmt":"2016-01-13T07:56:29","slug":"offener-brief","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/orchesterfreunde-gera.de\/content\/offener-brief\/","title":{"rendered":"Offener Brief"},"content":{"rendered":"<p>Frau Staatsministerin Prof. Monika Gr\u00fctters<br \/>\nBeauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien<\/p>\n<p>Gera, den 22. Dezember 2015<br \/>\nBetr.: Theater- und Orchesterreform in Th\u00fcringen<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Staatsministerin,<br \/>\nw\u00e4re ich so unverfroren, der Kulturstaatsministerin den Sinn von Kunst darstellen zu wollen, zitierte ich Fr. Nietzsche: Wir haben die Kunst, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen.\u201c<br \/>\nWas aber, wenn die Kunst an der (vermeintlichen) Wirklichkeit zerschellt?<br \/>\nIn Th\u00fcringen, dem Herzen der deutschen historischen Hochkultur, sehen sich Staatskanzlei und St\u00e4dte von der Lage der \u00f6ffentlichen Kassen gen\u00f6tigt, die Theater- und Orchesterlandschaft umzustrukturieren. Vor zwei Monaten hat der Chef der Th\u00fcringer Staatskanzlei und Minister f\u00fcr Kultur Benjamin-Immanuel Hoff ein dahingehendes Arbeitspapier ver\u00f6ffentlicht, das seitdem Gegenstand hei\u00dfester Diskussionen und Polemiken ist.<br \/>\nMan k\u00f6nnte freilich die gewohnte Entr\u00fcstungstrompete blasen, die Kommunal- und Landespolitiker laut beschimpfen und, wie schlechte Schauspieler, mit Tomaten bewerfen. Diese aber sind nicht durchwegs zu r\u00fcgen, m\u00fcssen sie doch stetig schrumpfende Regionen verwalten. Wo weniger Einwohner sind, sinkt die Theaternachfrage, das Angebot muss diesem Umstand Rechnung tragen und der Nachfrage angepasst werden. Klingt logisch, sind ja Demographie und Kultur eng miteinander verkn\u00fcpft.<br \/>\nDie neuen Bundesl\u00e4nder sind seit der Wende in einen Circulus vitiosus des Schrumpfens geraten. Wir brauchen einen Circulus virtuosus des Wachstums. M\u00fc\u00dfig, die Frage, ob man mit der Demographie oder mit der Kultur anfangen soll.<br \/>\nUnmittelbar nach der Wende konnte man ja noch nachvollziehen, dass Umstrukturierungen notwendig waren, dass die Dichte des Kulturangebots sich der demographischen und der wirtschaftlichen Realit\u00e4t in den sogenannten &#8222;neuen Bundesl\u00e4ndern&#8220; anpassen musste. So wurde immerhin die Zahl der Orchestermusiker in Th\u00fcringen in den letzten 25 Jahren so gut wie halbiert\u2026<\/p>\n<p>Jetzt aber reicht&#8217;s!!! Inzwischen geht es Deutschland wirtschaftlich und finanziell so gut wie nie in seiner ganzen, langen Geschichte. Deutschland ist die erste Exportnation der Welt ; Deutschland geh\u00f6rt zu den \u00e4u\u00dferst seltenen L\u00e4ndern, die ihre Verschuldung im Griff haben ; Deutschland hat dieses Jahr, dank einer Politik, die vom gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung mitgetragen wurde, zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen \u00dcberschussetat. Wenn es in einer solchen Situation hei\u00dft, an der Kultur m\u00fcsse noch mehr gespart werden, kann man es nur so deuten, dass die auf Bundesebene politisch Verantwortlichen die Kunst, die sogenannte &#8222;Hochkultur&#8220;, als inzwischen irrelevant abgeschrieben haben und den endg\u00fcltigen Sieg der amerikanischen Subkultur sanktioniert haben, einer &#8222;Kultur&#8220;, die sich mit privaten finanziellen Interessen hervorragend vertr\u00e4gt und herzlich gern auf direkte staatliche Unterst\u00fctzung verzichtet.<br \/>\nSollte dem so sein, so w\u00fcrde ich erwarten, dass dies auch klar und deutlich gesagt wird.<br \/>\nSollte dem aber nicht so sein, wovon ich noch gern ausgehen m\u00f6chte, so w\u00fcrde ich erwarten, dass auf Bundesebene entsprechend gehandelt wird. Auf dem Spiel steht die Verrohung \u2013 bzw. deren Bek\u00e4mpfung \u2013 weiter Teile der deutschen Gesellschaft. Auf dem Spiel steht \u2013 als Ausl\u00e4nder werde ich es wohl sagen d\u00fcrfen \u2013 die Identit\u00e4t Deutschlands.<br \/>\nSie werden mir die Kulturhoheit der Bundesl\u00e4nder entgegenhalten m\u00fcssen. Wenn deren Kassen aber, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, zu wenig vom Wohlstand Deutschlands profitieren, muss doch der Bund in die Bresche springen, muss ein wie auch immer gearteter Ausgleich stattfinden.<br \/>\nBin ich ein Tr\u00e4umer? Ja, selbstverst\u00e4ndlich: K\u00fcnstler m\u00fcssen hin und wieder Tr\u00e4umer sein. Nur die \u2013 leider immer zahlreicheren \u2013 Zyniker werden dar\u00fcber lachen. Tr\u00e4umer aber braucht die Welt, damit Pragmatiker deren Tr\u00e4ume in die Wirklichkeit umsetzen. Nur so entwickelt sich eine Gesellschaft.<br \/>\nGanze Landstriche im Osten f\u00fchlen sich verlassen, vergessen, gedem\u00fctigt, der Entfremdung im eigenen Lande \u00fcberlassen. Dies ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr die Frustrationen, die sich in Fremdenhass entladen.<br \/>\nWir leben in einer Zeit der Dekonstruktion. Unserer Generation obliegt, dem ein Ende zu setzen, sich dagegen vehement zur Wehr zu setzen, dass dieses prosperierende Land im Begriffe steht, das, was seine Identit\u00e4t, seine Seele ausmacht, zu zerst\u00f6ren. Dies tut einem wie mir umso mehr weh, der gerade aufgrund dieser Besonderheit Deutschlands vor drei\u00dfig Jahren den wohl\u00fcberlegten Schritt gegangen ist, sein Leben hier zu gestalten.<br \/>\nDie Fl\u00fcchtlinge aus Syrien und dem Irak werden wir nur dann effizient und dauerhaft integrieren, wenn wir ihnen demonstrieren \u2013 nicht nur sagen \u2013 dass wir eine gro\u00dfe Kulturnation sind und wir noch f\u00e4hig sind, sie daran teilhaben zu lassen. Auch diese neuen Mitb\u00fcrger brauchen langfristig mehr als nur Essen und ein Dach \u00fcberm Kopf.<br \/>\nDeutschland soll mehr bleiben \u2013 und den Fl\u00fcchtlingen mehr werden \u2013 als eine gewaltfreie Zone, mehr als ein attraktiver Umschlagplatz, mehr als eine GPS-Fl\u00e4che auf der globalisierten Weltkarte.<br \/>\nGrundgesetz, F\u00f6deralismus, Kulturhoheit der L\u00e4nder hin oder her: heute steht der Bund in der Pflicht.<br \/>\nDie Sch\u00f6nheit ist\u2019s, die die Welt retten wird (Dostojewski)<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nEs gr\u00fc\u00dft hochachtungsvoll<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nIhr<br \/>\nLaurent Wagner<br \/>\nGeneralmusikdirektor<br \/>\nPhilharmonisches Orchester Altenburg\/Gera (Theater &amp; Philharmonie Th\u00fcringen)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Staatsministerin Prof. Monika Gr\u00fctters Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien Gera, den 22. 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